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Der Einfluss der Industrialisierung auf die menschliche Kommunikation

Technologien die sich im Rahmen der menschlichen Entwicklungsgeschichte durchsetzen haben stets einen direkten Einfluss auf das Wahrnehmen, Denken und Handeln der Menschen. Dieser Einfluss wird hier am Beispiel der Eisenbahnreise im Kontext der Industriellen Revolution dargestellt.

1. Die Entstehung der Reiselektüre durch die Entwicklung der Eisenbahn im Kontext der Industrialisierung

Im Rahmen der Entwicklung der Eisenbahn wurde versucht den ursprünglichen Reisekontext, nämlich die Kabine der Kutsche, in die 1. und 2. Klasse der Eisenbahn zu übertragen. Es wurde das Abteil, sowie die Sitzkonstellation in Anlehnung an die Kutsche entwickelt, um den Reisenden ein ähnlich angenehmes Reise- und Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln. Dabei wurde jedoch die strukturierende Funktion der Eisenbahn auf das Wahrnehmen, Denken und Handeln der Reisenden nicht bedacht, weil sie natürlich erst retrospektiv verständlich ist. Es war nicht mehr möglich, wie früher in mehreren Tage dauernden Kutschenreisen, eine persönliche Beziehung aufzubauen, geschweige denn, sich intensiv für den anderen zu interessieren. Auch wenn die Anzahl der Menschen im Abteil gleich der der Reisenden in einer Kutsche war, so war es durch die stark verkürzte Reisezeit sowie durch den Lärm und die dadurch vermittelte Empfindung der Reise als Teil eines industriellen Prozesses nicht mehr möglich eine für die Kommunikation nötige Beziehungsebene aufzubauen.

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Auch die strukturierende Funktion der Eisenbahn in Form der Entwicklung der panoramatischen Sichtweise, hat die gemeinsam empfundene Reise in der Landschaft zu einer Reise durch die Landschaft gemacht, wodurch der potentielle Gesprächsstoff sowie das Gemeinschaftsgefühl nochmals vermindert wurde. In dieser Situation, in der die Stille innerhalb des Abteils erdrückend wurde, war ein Ersatz für das herkömmliche Gespräch zwischen den Reisenden im Abteil der 1. und 2. Klasse unabdingbar. Im Rahmen dieser neuen, komplexen Situation und der Erweckung eines starken Bedürfnisses nach Alternativen zur interpersonellen Kommunikation hat sich die Reiseliteratur entwickelt. Je öfter Menschen gereist sind und je stärker ihre Intuition und nachfolgend ihr Verständnis für die neue Situation wurde, desto schneller und anhaltender dürften sie wohl zur Reiseliteratur gegriffen haben.

2. Der Einfluss der Eisenbahnreisen auf das zwischenmenschliche Verhalten und die Kommunikation

Wie oben beschrieben, hat sich das Verhalten der Reisenden ausgehend von einer lange dauernden Kutschenreise, während der sich die Reisenden für einander und die Landschaft interessieren konnten und sogar tiefe Freundschaften entstanden, bis hin zu relativ kurzen Reisen mit wechselnden Reisepartnern im Abteil stark verändert. Die Menschen auf Eisenbahnreisen bemerkten, dass eine natürliche zwischenmenschliche Kommunikation mit Fremden in der kurzen Zeit kaum möglich ist und haben, wohl auch als Selbstschutz, direkt mit der Anzahl ihrer bereits absolvierten Reisen ein immer stärkeres Gefühl und Verhalten des Desinteresses an Mitreisenden entwickelt. Das alternative Verhalten zur zwischenmenschlichen Kommunikation wurde wie oben beschrieben das Lesen der Reiselektüre. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass einige auf die Gemütlichkeit der 1. oder 2. Klasse verzichtet haben, nur um der Stille zu entgehen und in der 3. oder 4. Klasse Unterhaltung zu finden.

3. Die Eisenbahnreise als industrieller Prozess

Wie beschrieben, wurde die Bahnreise selbst von vielen Reisenden als industrieller Prozess beschrieben. Durch den Lärm und die unangenehmen Reisebedingungen, erlebten vor allem die Reisenden der zwei unteren Klassen, welche heute mehr als eine Erweiterung des Güterverkehrs denn als Personenverkehr empfunden würden, das Reisen als Ausgeliefert-sein an einen industriellen Prozess. Aber auch den Reisenden der zwei oberen Klassen fehlte - durch den Einsatz der Dampfkraft - die Wahrnehmung des Zusammenhangs zwischen Antrieb und Fortbewegung und somit auch das intrinsische Verständnis für den Prozess. Dadurch wurde auch in diesen Klassen teilweise das Gefühl empfunden, Teil eines Industrieprozesses zu sein.

4. Das Klassensystem der frühen Eisenbahn

ie Fahrt in den unteren zwei Klassen war wie bereits kurz beschrieben, eigentlich keine Reise im Rahmen des Personenverkehrs wie wir es heute empfinden würden, sondern viel mehr eine Reise von Menschen im Güterverkehr. Die Empfindung der Reise war eine sehr direkte und laute (im Sinne des als Industrieprozess erlebten Reisens) im Vergleich zu der physiologisch relativ angenehmen Reise in den oberen Klassen. Im Laufe der Zeit wurde zumindest vorgeschrieben die 3. und 4. Klasse zu überdachen, aber dennoch war die Reise in diesen Klassen nicht mit der Eisenbahnreise in den oberen zwei Klassen vergleichbar. Durch das Fehlen des Abteiles und die offene Gestaltung kam es hier nicht zu dem starken Problem der unterbundenen zwischenmenschlichen Kommunikation. Die panoramatische Sichtweise in der 3. und 4. Klasse war zwar vorhanden, jedoch nicht im gleich großem Ausmaße strukturierend wie in der 1. und 2. Klasse durch die offenen Gestaltung der Wagons. Diese Reisesituation war im Gegenteil dazu geprägt von lauten und humorvollen Unterhaltungen. Auf lange Sicht hat sich die Reise in den unteren Klassen immer stärker an die Reise in den oberen Klassen angepasst.

Interessanterweise wird in den letzten Jahren in Österreich in der unteren Reiseklasse wieder öfter auf das Konzept des "offenen Wagons" im Gegensatz zum "Bahnabteil" für den Personenverkehr zurückgegriffen. Es wäre interessant den Hintergrund und die Designmotive der ÖBB hinsichtlich dieser Entwicklung zu hinterfragen.

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